Vor 30 Jahren noch undenkbar, heute eine Sache von ein paar Klicks: Musikproduktion für Zuhause.
Heutzutage kann im Grunde wirklich jeder Musik produzieren und diese veröffentlichen. Im Zeitalter der „So simpel, ein dressierter Affe könnte das benutzen“-DAWs und insbesondere mit Hilfe von Musik AIs wie z.B. suno, sind die Hürden, Musik zu produzieren und sie zu veröffentlichen so niedrig wie nie zuvor.
Es braucht kein hochaufwendiges Equipment mehr, keine besonderen Vorkenntnisse. Nicht einmal grundlegendes, musiktheoretisches Wissen ist wirklich erforderlich. DAWs wie z.B. FL Studio haben Funktionen, mit denen man in der Software angibt, welche Tonart man haben möchte und die Software entfernt dann automatisch sämtliche nicht zu der gewählten Tonart passenden Noten vom Software-Eingabekeyboard.
Ich betreibe dieses Hobby – und machen wir uns nichts vor, das ist ein Hobby und kann einen vernünftigen, regelmäßig ausgeführten Brotjob nicht ersetzen – ja auch. Grund genug für einen 10 Fakten Beitrag über Musikproduktion im Allgemeinen und Indie Artists im Besonderen.
1. Das Wichtigste vorneweg: davon können Sie nicht leben
Wer Musik macht, ist ja quasi Star. Und Stars haben Geld! Nicht als Indie. Nicht ohne Label, großes Marketing und genügend Glück, irgendwie aus der Masse herauszustechen und „es zu schaffen„.
Der handelsübliche Indie hat mehr Kosten, als ihm das Hobby einbringt. Streamingdienste zahlen in aller Regel extremst schlecht und Streaming ist nun mal das, was heutzutage vorrangig passiert. Der Musikkonsum findet vorrangig auf Spotify, Amazon Music, Tidal, Deezer, Apple Music und co. statt. Dass jemand mal eine Single oder ein Album tatsächlich noch kauft und dann die MP3s herunterlädt oder gar einen physikalischen Tonträger erwirbt, hat heute extremen Seltenheitswert.
Für den Künstler ist Streaming nicht besonders einträglich. Es hat Gründe, dass während den Zeiten von Corona-Lockdowns, normal und light, sehr viel Gejammer von etablierten, großen Künstlern zu hören war. Diese erzielen zwar problemlos Millionen von Streams, aber wirkliche Einnahmen werden mit Merchandise und Konzerttickets erzielt, nicht mit Streaming. Spotify, als vermutlich größter und bekannter Streamingdienst, ist hier auch ein gutes Beispiel, denn Spotify zahlt mitunter noch am Schlechtesten. Um einen Euro (nochmal: 1€) an einem Lied zu verdienen, muss dieses Lied zwischen 200 und 333 Mal gestreamed werden.
Um es noch deutlicher zu machen, hier mal meine kompletten Streamingeinnahmen von allen Plattformen zusammen:

Das sind sämtliche Einnahmen seit Mai 2022, als ich begann, meine Songs zu veröffentlichen, bis Dezember 2025. Von allen Plattformen, nicht nur Spotify. Und auch, wenn ich ein eher kleiner Indie Artist bin, ich schaffe mit manchen Tracks immerhin fast 100.000 Streams bis dato.
Zusätzlich publishe ich meine Musik auch noch auf Bandcamp. Hier verkaufen Künstler oder Labels direkt: man entrichtet dort einen Preis, den der Künstler/das Label vorgibt (oder mehr, wenn man möchte) und erwirbt damit direkt qualitativ hochwertige digitale Kopien der Werke, die man downloaden kann. Wer jetzt glaubt, dass dabei doch sicherlich viel zu holen sei, der irrt.

Der Grund hierfür ist simpel: kaum jemand kennt Bandcamp. Etwas verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es letztlich Sony gehört, aber so ist es. Und es ist eher schwer, Menschen davon zu überzeugen, Bandcamp zu verwenden. Die UI ist nicht hip und trendy, weder online noch in der App. Und wie gesagt, Menschen streamen heutzutage lieber als zu kaufen.
Zum Vergleich: der jährlich zu entrichtende Beitrag dafür, dass Distrokid meine Songs verteilt, beträgt ~50€. Promoted Posts und Ads auf Meta/X/Youtube, um etwas mehr Reach und dadurch hoffentlich mehr Streams und Verkäufe zu erzielen, kosten i.d.R. pro Post zwischen 20€ und 40€. Die Produktionssoftware/DAW, Plugins, VSTs und co. kosten i.d.R. ebenfalls nicht wenig. Rechne ich DAW + Plugins + Sampleabo + VSTs zusammen, habe ich seit 2022 locker 900€ – 1200€ dafür ausgegeben, mein Setup so einzurichten, wie es mir gefällt.
Ohne Label, Glück und massives Marketing im Hintergrund ist das ein teures Hobby. Leben kann man davon nicht. Aber immerhin kann man sagen „Ich betätige mich in der Musikproduktion!“ 🙂
2. Laienhafte Musikproduktion ist ja kein Aufwand
Ja. Und nein.
Sicher, es gibt sicherlich einige Indie Artists, bei denen es klingt, als hätten sie halt mal kurz 5 Minuten hin und her geklickt und dann auf „Upload“ geklickt und fertig. Bei den meisten steckt durchaus eine Menge Arbeit dahinter. Bei manchen sogar mehr, als man denken würde.
Die meisten Menschen scheinen zu glauben, Musik könne nur dann „echt“ sein, wenn man wie althergebracht im Studio mit x Musikern eben „echt“ aufnimmt. Fun Fact am Rande: selbst die „echten“ Musiker und Pros nehmen einzeln ihre eigene Spur auf und am Ende stöpselt das ein Produzent und Tontechniker hinterher zusammen. Genau so sind früher auch die Alben von Status Quo, Queen, ACDC, Metallica und co. entstanden; da stand nie die komplette Band im Studio, spielte quasi ein inhouse Konzert und irgendwer hat das dann aufgenommen. Das ist nicht, wie das abläuft. Die gehen alle einzeln ins Studio und spielen ihren Teil ein. Hinterher stöpselt das dann einer mühevoll einzeln zusammen und es kommt ein kompletter Song dabei heraus. Früher mit Band (also Magnetband, nicht Band im Sinne von Musikgruppe 🙂 ), heute digital.
Alles zusammengezählt (Komposition, Arrangement, Mischen) sitze ich an einem Track zwischen 2 und 10 Stunden.
3. Lohnt der Aufwand denn?
Kommt ganz auf die persönliche Definition von „lohnt das“ an. Man muss sich ja immer ins Gedächtnis rufen: ich mache das zum Spaß, das ist mein Hobby. Ich mache das zu 99% aus dem Grund „Ich habe Melodien und Rhythmen im Kopf und die sollen da raus.“ und zu 1% aus dem Grund „Mit ein wenig Glück mag das ja wer und ich kann mich dann toll fühlen, wenn Menschen meinen Lärm mögen.„.
Für mich lohnt der Aufwand sich dahingehend durchaus. Die Melodien und Rhythmen sind aus dem Kopf und eine überschaubare aber vorhandene Menge an Menschen hört sich die monatlich an und scheint sie zu mögen. Damit sind letztlich 100% meiner Beweggründe abgedeckt.
4. Weniger ist mehr
Einer der Kardinalsfehler in der Musikproduktion ist zu denken, dass alles immer sehr aufwendig sein muss. Viele meiner Tracks haben nur sehr wenige Spuren und einzelne Instrumente. Manchmal entfaltet man bereits mit ganz wenig große Wirkung. Nicht jeder Track braucht 17 verschiedene Bässe, 23 verschiedene Synths und 91 verschiedene Pads. Manche meiner Tracks haben eine sehr überschaubare Basis.
5. Manchmal reicht wenig aber auch nicht
Um den vorherigen Punkt direkt mal komplett zu negieren, möchte ich mein Lieblingsbeispiel anführen: ich habe einen Track, bei dem die Snare aus drölfundvierzig einzelnen Samples und Effekten besteht. Genau genommen ist die Snare nicht mal eine Snare. Es ist ein Open HH mit ordentlich Delay, Reverb, runter gepitcht und mit x weiteren Effekten.
Selten ist meine Kickdrum auch nur eine einzelne Kickdrum. Um den Sound zu erreichen, den ich ihm Kopf hatte, muss ich öfter mal mehrere unterschiedliche Sounds kombinieren und diese dann mit Effekten, Ändern der Balance, etc. bearbeiten. Mancher Sound ist auch gar kein Instrument, sondern die Aufnahme davon, wie ich mit einem Löffel auf eine Tasse schlage und der Rest sind Dutzende Effekte. Musikproduktion ist ganz oft auch eine experimentelle Wissenschaft.
6. Musikproduktion kann man nicht als Laie
Doch, geht schon. Klingt halt oft schrecklich. So ein gewisses Grundmaß an Musiktheorie und wie man halbwegs vernünftig mischt und produziert sollte man sich schon draufschaffen.
Das geht aber auch problemlos ohne Studium, Ausbildung und co., es gibt unendlich viele, gute Tutorials im Netz und eine nicht geringe Anzahl an Producern hat hierzu viele Videos auf Youtube eingestellt, in denen sie aus dem Nähkästchen plaudern.
Man kann das schon auch als Laie lernen, aber ja, man muss es eben lernen. Ansonsten klingt es halt nicht gut.
7. Die Hörer leben gar nicht in der selben Welt
Was ich damit meine? Ganz einfach.
Als Künstler sitzt man mitunter stundenlang an einem Track und schiebt Regler hin und her, bis man glaubt, der klänge nun auf diversesten Ausgabengeräten gleichermaßen gut. Das ist zum Einen ein Irrglaube, denn es gibt dafür eine viel zu große Anzahl an unterschiedlichsten Ausgabegeräten. Zum Anderen legen die Hörer im Zweifel nicht auf dieselben Qualitätskriterien wert wie man selbst, während man peinlichst genau und akribisch Stunden an einer einzelnen Hihat herumwerkelt.

Musikproduktion und Musikkonsum sind zwei völlig unterschiedliche Welten dahingehend. Als Künstler schraubt man an einem bestimmten Sound mitunter eine Stunde oder länger herum, nur, damit das dann hinterher niemandem auffällt außer einem selbst, weil die meisten Hörer das Ding nachher auf dem Smartphone abspielen.
Das darf man sich einfach nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Man kann es nämlich nicht ändern. Statt sich stundenlang darüber das Hirn zu zermartern, wie man den Track nun am Besten für alle Endgeräte mischt, einfach so arbeiten, dass man am Ende selbst zufrieden ist.
8. Musikproduktion ist nur die halbe Miete
Wer als Indie Artist möchte, dass die Ergebnisse seiner Arbeit auch unters Volk gelangen, kann sich nach getaner Arbeit im Studio nicht zurücklehnen und alle Fünfe grade sein lassen. Tatsächlich geht sehr viel mehr Zeit dafür ins Land, auf drölf Social Media Plattformen über seine Tracks zu posten, Cover Arts zu erstellen, Promoposts zu basteln, Videos zu erstellen, etc., als man letztlich in den Song gesteckt hat.
Das war mir vorher auch nicht klar, als ich damit begonnen hatte. Das mit der Musik, das sollte eigentlich mal das Ventil sein; der Zeitvertreib, der nach getaner Arbeit als Community/Social Media Manager aus Social Media und co herausführen sollte. Hat ja gut geklappt 🙂
Als Indie Artist muss man eben alles selbst machen. Man hat keine Grafikabteilung, keine Werbeabteilung, kein Label, niemanden, der sich um all die Dinge kümmert, die zum Musikvertrieb noch dazu gehört.
9. Die meisten Tracks kriegt nie jemand zu hören
Weil sie im Zweifel gar nicht erst entstehen, bzw. fertig werden. Viele Ideen sind und bleiben genau das: Ideen. Ich setze mich relativ häufig hin, starte FL Studio, beginne damit, eine Idee zu skizzieren. Recht oft ist es sogar so, dass ich dann 2-3 Stunden daran arbeite und am Ende wird das komplette Ding gelöscht, weil es einfach nicht in ein Gesamtkonzept einzufügen ist.
Dass ich seit Mai 2022 gut und gerne 200 Tracks veröffentlicht habe, ist daher noch keine beeindruckende Zahl. Viel beeindruckender finde ich persönlich, dass ein Vielfaches davon (auf jeden Fall bestimmt locker das Doppelte) es gar nicht erst zum Speichern geschafft hat.
10. Musik zu produzieren, kann den Genuß des Musikhörens mindern
Die meisten Menschen hören Musik und denken sich „Geiler Beat!“ oder „Tolle Melodie!„.
Als jemand, der selbst Musik produziert, passiert es mir relativ häufig, dass ich Musik nicht mehr nur zum Genuß oder als Backgroundgeräusch konsumiere, sondern mir immer häufiger Gedanken mache, wie ich dieses oder jenes gemacht hätte.
Das ist gar nicht so lustig, wie es klingt. Wenn man, statt den Titel zu genießen, die Hälfte des Tracks damit zubringt, das Ding gedanklich in Einzelteile zu zerlegen und zu überlegen, wie welcher Effekt wie genau eingesetzt wurde und ob man das selbst auch so getan hätte, ist das mitunter dem Genuß der Musik nicht sonderlich zuträglich.
Bei der Gelegenheit weise ich gerne auch mal darauf hin, wo man meine Erzeugnisse so zu hören bekommt.
Unter listento.badidol.de finden sich eine Menge Links zu allerlei Plattformen.
